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Waiblingen. Kult oder Kommerz? An dieser Frage scheiden sich beim Thema Halloween die Geister. Während die einen Jahr für Jahr gruselig kostümiert um die Häuser ziehen und „Süßes, sonst gibt’s Saures“ fordern, halten die anderen das Ganze für eine Geschäftsmasche der Industrie und des Einzelhandels. Wie denken Pfarrer, Karnevalisten und Spielwarenhändler über ein Phänomen, das in den 1990er Jahren aus den USA nach Europa herüberschwappte?

Ihn persönlich bewege Halloween nicht, sagt der Waiblinger Pfarrer Franz Klappenecker von der katholischen Sankt-Antonius-Gemeinde. „Aber ich habe auch keine Probleme damit, wenn es andere bewegt.“ Solange es eben im Rahmen bleibe. Soll heißen: Kindern, die sich verkleiden, an Haustüren klingeln und Süßigkeiten abstauben wollen, gönnt der Pfarrer den Spaß. Aber, wie es so oft geschehe bei ursprünglich christlichen Festen (siehe Infobox), sei es auch bei Halloween. Sie verselbstständigten sich in Richtung Volksbrauch.

Kindheitserinnerung: Rüben ausgehöhlt

Als Beispiel nennt der Pfarrer den Weihnachtsmann, dessen heutiges weit verbreitetes Bild maßgeblich durch die Coca-Cola-Werbung seit den 1930er Jahren geprägt wurde. „Und wie immer gibt es dann Menschen, die es übertreiben“, sagt Klappenecker. Wobei er natürlich auch nicht mit Halloween aufgewachsen sei, für ihn sei dieser Abend immer der Vorabend von Allerheiligen, eines der wichtigsten katholischen Feiertage, gewesen. Ein Brauch, an den Klappenecker sich aus seiner Kindheit aber erinnert, sind die sogenannten Rübengeister: „Jedes Jahr im Herbst“, erzählt er, „haben wir Futterrüben ausgehöhlt, an einen Stecken gebunden und eine kleine Kerze hineingestellt.“ Mit diesen Laternen aus Rüben seien die Kinder dann durch die Straßen gezogen.

Bei den Protestanten hingegen wird der Tag vor Allerheiligen gefeiert – der Reformationstag am 31. Oktober. „Church Night“ heißt die dazugehörige bundesweite Veranstaltungsreihe. „In jeder Gemeinde findet dazu etwas anders statt“, erklärt der Pfarrer Joachim Bauer von der evangelischen Kirchengemeinde Neustadt. In Neustadt gibt es einen Abendgottesdienst mit Theaterstück und danach ein Feuer, über dem Stockbrot gegrillt wird. „Mit Halloween hat das Ganze aber nichts zu tun“, betont Bauer. Grundsätzlich habe er selbst mit dem Brauch, sich zu Halloween zu verkleiden, kein Problem. „Aber es hat halt noch nicht so eine lange Tradition, wie sie beispielsweise der Reformationstag zu bieten hat“, schiebt er hinterher. Für Kommerz oder Geldmacherei seitens des Einzelhandels hält er Halloween aber nicht. „Die Leute haben angefangen, das zu feiern, und der Handel ist darauf eingestiegen“, so seine Einschätzung. Es sei wie mit Weihnachten, auch das werde inzwischen sehr kommerziell ausgeschlachtet. „Aber Weihnachten war trotzdem zuerst da.“

Halloween hat mit Karneval nichts zu tun

So richtig spürbar sei das Halloween-Geschäft zumindest in seinen Läden nicht, sagt Matthias Wiedman, der Geschäftsführer des gleichnamigen Spielzeugeinzelhändlers. „Bei uns spielt das nur eine untergeordnete Rolle.“ Ein bisschen Schminke verkaufe sich, ein paar Vampirzähne, Haarsprays – alles, was zu Fasching auch so über die Ladentheke gehe. Aber eine echte Umsatzsteigerung stelle er nicht fest, auch keine besonders starke Nachfrage nach solchen Artikeln. „Sankt Martin ist da bei uns viel verkaufsstärker, mit Laternen und Co.“, ergänzt Wiedmann.

Als ambivalent beschreibt Roland Neukamm von der Waiblinger Karnevalsgesellschaft „Salathengste“ seine Beziehung zu Halloween. Als Karnevalist finde er Verkleiden, und in andere Rollen zu schlüpfen, erst mal toll. Andererseits nehme er Halloween auch ein wenig als „Konkurrenzveranstaltung“ wahr. Und als leidenschaftlicher Karnevalist scheue er den Vergleich: „Egal ob Fasching, alemannische Fastnacht oder rheinischer Karneval, alle haben eine sehr lange Tradition“, sagt Neukamm. Halloween habe dem hierzulande wenig entgegenzusetzen und sei aus seiner Sicht schon ein wenig kommerziell geprägt. Aber er kann dem Ganzen doch auch etwas abgewinnen: „Vielleicht kann Halloween auch eine Art Einstiegsdroge sein für Karneval“, sinniert er. Verkleiden als ersten Schritt findet Neukamm jedenfalls schon mal recht sympathisch.

Auf die lange Tradition des Faschingsbrauchtums nimmt auch Dieter Streitenberger, der Präsident der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft, Bezug. Für ihn gibt es da eine klare Abgrenzung zu Halloween: „Das ist ja gerade erst aus Amerika zu uns rübergeschwappt.“ Ihm persönlich erscheine das schon recht kommerziell und vom Handel vorangetrieben. Jedenfalls sei es ein krasser Gegensatz zur schwäbisch-alemannischen Fastnacht und dem rheinischen Karneval, die beide seit einigen Jahren zum immateriellen Kulturerbe der Unesco gehören. Aber auch er hält es wie sein Kollege von den Salathengsten: „Wenn Kinder sich verkleiden und für Süßigkeiten an den Türen klingeln, finde ich das nett.“ Aber als überzeugter Karnevalist ist er selber an Halloween nicht dabei.

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