Thursday, June 20, 2024
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Vom Hotspot Ins Traumland – in Drei Tagen


Mehr als 100.000 Menschen sind dieses Jahr über das Mittelmeer nach Italien gekommen – viele versuchen dann, ohne gültige Papiere in ein anderes EU-Land weiterzureisen. Wie einfach das geht, zeigt der Weg zweier Brüder aus Syrien.

Auf der einen Seite rauchenden Schlote eines Stahlwerkes, auf der anderen vollgemüllte Straßen am Hafenrand: die Gegend um den Hotspot für Migranten im süditalienischen Tarent ist ein hässlicher Ort. An diesem grauen Dezembermorgen öffnen sich die Gittertore des Hotspots für 44 neu angekommene Migrantinnen und Migranten.

Darunter sind auch die Brüder Mohammed und Ibrahim, deren Telefonnummer das ARD-Studio Rom bekommen hat. Für die beiden Syrer soll Tarent der Startpunkt für den Weg in ihr Traumland sein. Einen Weg, den die europäischen Regeln so nicht vorsehen.

Im Hotspot bleiben die beiden nur wenige Stunden. Die Italiener erfassen sie als ankommende Migranten, gemäß der EU-Vorschriften werden Fingerabdrücke abgenommen. Einen Asylantrag stellen Mohammed und Ibrahim nicht. Anschließend werden sie in ein 80 Kilometer entferntes Aufenthaltszentrum bei Lecce gefahren.

Das Ziel ist klar

Am nächsten Morgen hat Mohammed bereits klare Vorstellungen, wie es für ihn und seinen Bruder weitergehen soll: “Wir wollen nach Deutschland”, sagt der 31-Jährige unmissverständlich. Laut EU-Regeln sind die Länder für die Asylanträge zuständig, in denen die Migrantinnen und Migranten zuerst europäischen Boden betreten haben – in diesem Fall Italien.

Aber Mohammed und Ibrahim machen es wie die meisten: Mehr als 130.000 Migranten sind in diesem Jahr über das Mittelmeer in Italien angekommen – aber nur 10.000, also weniger als zehn Prozent, haben hier bis August einen Asylantrag gestellt.

“Deutschland gibt die größte Hilfe”

Er wisse viel über Deutschland, sagt Mohammed stolz und zählt auf: “Deutschland ist sehr demokratisch. Deutschland hat eine starke Wirtschaft und viele Arbeitsmöglichkeiten”. Vor allem aber sei es “das erste Land, wenn es darum geht, Menschen zu unterstützen, die Hilfe brauchen”. Deutschland, meint Mohammed, “gibt den Menschen die größte Hilfe”.

Der 31-jährige ehemalige Maschinenbaustudent und sein 25 Jahre alter Bruder Ibrahim stammen aus Damaskus. Vom Krieg sei ihre Gegend nicht betroffen gewesen, erzählen sie, aber sie hätten befürchtet, zum Kriegsdienst eingezogen zu werden.

2021 seien sie dann nach Libyen gegangen. Dort hätten sie in Bengasi in einem Restaurant und als Automechaniker gearbeitet, um sich das Geld zu verdienen für die Fahrt nach Deutschland.

Nach zweieinhalb Jahren hatten sie nach eigenen Angaben genug zusammen, um den Schleppern die geforderten 4.000 Euro für die Überfahrt nach Italien zu bezahlen. Auf dem Mittelmeer, berichtet Mohammed, habe es hohe Wellen gegeben, er habe Angst gehabt. Gerettet und nach Tarent gebracht wurden sie von der Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” mit deren Schiff “Geo Barents”.

Möglichst keine Zeit verlieren

Doch nach nur einer Nacht in Italien haben die Brüder schon all ihre Sachen in eine kleine Tasche gepackt und wollen keine Zeit verlieren. Das Aufenthaltszentrum ist offen, die angekommenen Migranten dürfen sich im Land frei bewegen.

Mohammed hat sich mit anderen im Aufenthaltszentrum darüber ausgetauscht, wie sie am schnellsten nach Deutschland kommen können: “Ich habe die Leute gefragt, wo der Bahnhof ist. Ich werde jetzt gehen, mir ein Ticket kaufen und losfahren.” Nachfragen, ob er wisse, dass er dabei über Grenzen müsse, was ihm nicht erlaubt sei, beantwortet Mohammed mit einem Lächeln. “Difficult times create strong men”, sagt er auf Englisch – “schwierige Zeiten erschaffen starke Männer”.

Der Plan: Im Zug nach München

Mohammed und Ibrahim gehen zwei Kilometer zu Fuß entlang von Feldern bis zur nächsten Bushaltestelle, von da zum Bahnhof in Lecce. Dort versucht Mohammed eine SIM-Karte für sein Handy zu bekommen. Aber niemand verkauft ihm eine, weil sein syrischer Pass abgelaufen ist.

In einer Bar sprechen die beiden Brüder dann zwei andere junge Männer an, die Arabisch reden. Es dauert ein paar Minuten, dann steigt Mohammed mit einem der beiden auf einen Leih-Elektroroller und braust davon. Rund eine halbe Stunde später kehren die zwei zurück – und Mohammed hat seine Handykarte für mobiles Internet.

Immer wieder fällt auf, wie schnell die beiden Brüder auf ihrem Weg nach Deutschland Kontakte zu anderen Migranten knüpfen und Netzwerke zu bilden. Am Bahnhof in Lecce kaufen sie sich Karten für den Nachtzug nach Mailand, um von dort aus weiter nach Norden zu kommen. “Ich habe Freunde in München, Berlin, Stuttgart und Düsseldorf”, sagt Mohammed. Er und sein Bruder würden gerne nach München fahren.

Im Nachtzug sind rund 80 Prozent der Passagiere Migrantinnen und Migranten. Mohammed und Ibrahim treffen hier weitere Syrer – auch sie wollen nach Deutschland. Tief in der Nacht kommen drei italienische Polizisten in den Zug und kontrollieren stichprobenmäßig. Mohammed und Ibrahim werden nicht angesprochen. Am Morgen treffen sie am Zentralbahnhof in Mailand ein.

Die Pläne ändern sich

Nach den Gesprächen mit den anderen Migranten im Zug hat Mohammed seine Pläne für die Strecke ab Mailand plötzlich geändert: Er will mit seinem Bruder nun doch nicht mit dem Flixbus nach München, sondern mit der Bahn nach Stuttgart. “Ich suche nach einer Stadt, wo man einfacher Papiere bekommt”, erläutert er seinen Sinneswandel. Und auf die Nachfrage, ob es seiner Meinung nach in Stuttgart einfacher sei, antwortet Mohammed: “Ja, ich glaube”.

Aber noch etwas ändert sich in Mailand: Mohammed und Ibrahim wollen jetzt nicht mehr, dass ARD-Reporter sie beobachten. Für mehrere Stunden verschwinden sie in der Stadt.

Am Abend haben sie sich bei Western Union eine Geldüberweisung ihrer Schwester abgeholt, ein paar neue Kleidungsstücke gekauft – unter anderem Handschuhe gegen die Kälte – und sich die Haare schneiden lassen. Mohammed erklärt den weiteren Plan: “Wir wollen hier Tickets nach Lugano kaufen und von dort weiter nach Deutschland”. Also statt der Route über den Brenner die Strecke durch die Schweiz.

Es geht in die Schweiz – zum Transit

Kurze Zeit später besteigen Mohammed und Ibrahim einen Regionalzug ins schweizerische Chiasso, in dem auch viele Grenztagespendler unterwegs sind. Von dort soll es offensichtlich weitergehen nach Lugano.

Am späten Abend schicken Mohammed und Ibrahim dann ein Foto von sich aus Zürich. Am nächsten Morgen eine Nachricht mit Smiley aus Stuttgart. Danach bricht der Kontakt ab – drei Tage nach ihrer EU-Ankunft in Süditalien haben sie es ohne gültige Papiere nach Deutschland geschafft.

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